Gregor Schürer
Neulich im Krisengebiet
0

Neulich im Krisengebiet

Neulich im Krisengebiet

von Gregor Schürer
Neulich war ich im Krisengebiet im Urlaub. Nein, nicht in Dubai. Ich bin zusammen mit meiner Schwester nach Zypern geflogen. Sie wird demnächst siebzig und die Reise war ein vorgezogenes Geschenk. Wir hatten den gemeinsamen Urlaub im Mai letzten Jahres geplant und gebucht. Und ich hatte mir damals, ehrlich gesagt, keinerlei Gedanken gemacht, dass das gefährlich werden könnte. Auf dem Flug von München nach Antalya kam ich mit meiner Sitznachbarin, einer attraktiven Frau mit dunklen Haaren und dunklen Augen, ins Gespräch. Sie erzählte mir, dass sie aus Persien stamme und das Land vor Jahren verlassen habe. Nun mache sie mit ihrem deutschen Mann Urlaub auf Nordzypern. Nach dem Zwischenstopp ging es weiter nach Ercan, wo wir wohlbehalten und pünktlich landeten. Ich war gespannt auf den türkischen Teil der Insel, den griechischen hatte ich vor über 25 Jahren schon bereist. Zunächst verlief alles nach Plan, wir genossen das schöne Hotel, das leckere Essen und die interessanten Ausflüge. Da Nordzypern nicht zu Europa gehört und deshalb die Roaminggebühren drastisch sind, ließen wir das Handy tagsüber brav ausgeloggt und wählten uns erst abends im Hotel ins kostenlose WLAN. Deshalb bekamen wir zunächst gar nichts von den Angriffen auf den Iran mit. Tags darauf flog von dort eine Rakete Richtung Zypern, die allerdings abgefangen wurde. Da ploppten reihenweise die WhatsApp-Nachrichten auf mit der Frage: „Ist bei euch alles in Ordnung?“ Ich machte mich schlau: Angegriffen worden war der griechische Teil Zyperns, weil die Briten dort – die Kolonialzeiten lassen grüßen, das merkt man auch am Linksverkehr – noch zwei Militärbasen haben. Außerdem gab es keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, also ein Stück weit Entwarnung. Tags darauf traf ich bei der nächsten Besichtigungstour meine Nebensitzerin vom Hinflug wieder. Sie erzählte mir aufgewühlt, dass sie die ganze Nacht nicht geschlafen habe. Ein Teil ihrer Familie lebe noch in Teheran und sie habe sie telefonisch angefleht, die Stadt zu verlassen. So nah kommt einem plötzlich der Krieg – dachte ich. Für den Rest des Aufenthaltes hatte ich ein mulmiges Gefühl, auch wenn der Reiseleiter die Gruppe beruhigte. Da half auch der abendlich Raki nichts. Am Tag der Rückreise betete ich, dass der Luftraum nicht geschlossen wird und war heilfroh, als mittags die Reifen von unserem Airbus auf dem Flughafen Franz Josef Strauß aufsetzen. Für die nächste Reiseplanung habe mir folgendes vorgenommen: Vorher genau hinschauen, was der Mann im Weißen Haus gerade so macht. Weil der aber unberechenbar ist, vielleicht besser direkt eine der schönen Destinationen in Deutschland wählen.